8. September 2026

Wie eine einzige Grafik unser Weltbild fixiert.

164 Staaten haben im September 2026 in der UN-Generalversammlung für eine neue Weltkarte gestimmt. Eine Resolution namens „Correct the map“ – eingebracht von Togo, unterstützt von der Afrikanischen Union. Das Abstimmungsergebnis ist nicht bindend, trotzdem ist es ein Signal. Und für uns als Kommunikationsdesign-Agentur ist es mehr als das: Es ist ein Lehrstück darüber, wie […]

164 Staaten haben im September 2026 in der UN-Generalversammlung für eine neue Weltkarte gestimmt. Eine Resolution namens „Correct the map“ – eingebracht von Togo, unterstützt von der Afrikanischen Union. Das Abstimmungsergebnis ist nicht bindend, trotzdem ist es ein Signal. Und für uns als Kommunikationsdesign-Agentur ist es mehr als das: Es ist ein Lehrstück darüber, wie Design wirklich wirkt.

Ein Kartograph. Eine Lösung.

Gerardus Mercator war Kartograph mit einem konkreten Problem: Wie bringt man eine Kugel auf ein flaches Blatt Papier, so dass Seeleute damit navigieren können?

Seine Antwort war die Mercator-Projektion. Jede gerade Linie auf dieser Karte entspricht einer konstanten Himmelsrichtung – das war revolutionär für die Seefahrt des 16. Jahrhunderts. Mercator hat sein Problem gelöst.

Doch es entsteht ein neues Problem: Je weiter ein Land vom Äquator entfernt liegt, desto größer erscheint es auf der Karte. Länder in der Nähe der Pole werden massiv aufgeblasen. Länder in der Mitte bzw. am Äquator – darunter der gesamte afrikanische Kontinent – werden verkleinert.

Das Ergebnis: Grönland wirkt auf der Mercator-Karte fast so groß wie Afrika. Tatsächlich ist Afrika 14-mal so groß wie Grönland.

Wie eine Designentscheidung zur Norm wird

Mercator hat diese Karte für Seeleute gebaut. Nicht für Schulbücher. Nicht für Google Maps. Nicht für das kollektive Weltbild von Milliarden Menschen.

Und trotzdem ist sie genau dafür verwendet worden. Die Mercator-Projektion wurde zur Standardkarte – in Atlanten, in Klassenzimmern, in digitalen Kartendiensten. Nicht weil sie die Welt am genauesten darstellt, sondern weil sie sich eben etabliert hatte. Weil sie (für Europäer:innen) funktionierte.

Die Perspektive ist immer entscheidend

Designentscheidungen entstehen immer in einem Kontext: mit einem Zweck, aus einer Perspektive, für eine bestimmte Zielgruppe. Wenn sie sich einmal durchgesetzt haben, verselbständigen sie sich. Sie werden zur Norm. Und Normen werden nicht mehr wahrgenommen – sie werden einfach als Realität akzeptiert.

Mercator kam aus Europa. Er hat eine Karte gebaut, die Europa buchstäblich in die Mitte und in die Größe gesetzt hat. Ob das bewusst war oder nicht, spielt letztlich keine Rolle. Die Wirkung war dieselbe.

Was das mit unserer Arbeit zu tun hat

Bei FORMLOS arbeiten wir täglich mit Designentscheidungen. Welche Farbe kommuniziert Vertrauen? Welche Schrift signalisiert diese bestimmte Haltung? Welche Struktur lenkt den Blick – und welche Information bleibt dadurch im Schatten?

Jede Designentscheidung ist eine Aussage. Sie betont etwas und lässt anderes weg. Sie schafft eine Hierarchie. Sie transportiert eine Perspektive – auch dann, wenn das niemand so beabsichtigt hat.

Deshalb fragen wir bei jedem Projekt: Für wen wird hier kommuniziert? Wessen Perspektive ist eingebaut? Was wird sichtbar gemacht – und was nicht?

Das ist keine politische Frage. Es ist eine handwerkliche. Gutes Kommunikationsdesign kennt seine eigene Wirkung.

Die Karte korrigieren

Die neue Karte, für die die UN gestimmt haben, heißt „Equal Earth“. Sie wurde 2018 von Kartographen entwickelt und stellt die Flächen aller Kontinente proportional korrekt dar. Afrika sieht aus wie Afrika. Grönland sieht aus wie Grönland.

Togos Außenminister Robert Dussey hat es nach der Abstimmung so formuliert: „Die Karte zu korrigieren bedeutet, die Art und Weise zu korrigieren, wie wir die Welt sehen.“ Das trifft es auf den Punkt.

Wer selbst spüren möchte, wie stark die Mercator-Verzerrung ist, dem empfehlen wir thetruesize.com. Dort lässt sich als Beispiel Deutschland auf der Karte verschieben – z. B. nach Norden, in die Nähe Grönlands, und plötzlich wirkt Deutschland riesig. Nach Afrika gezogen, passt es kaum in Marokko. Nicht weil Deutschland kleiner geworden ist. Sondern weil die Karte aufgehört eine falsche Darstellung zu wiederholen.

Kein Kartograph ist neutral

457 Jahre lang hat eine Designentscheidung das Bild geprägt, das wir von der Welt haben. Nicht durch Absicht. Durch Gewohnheit. Durch Wiederholung. Durch die stille Macht des Etablierten.

Das ist der Grund, warum wir bei FORMLOS nicht einfach gestalten. Wir fragen zuerst: Was soll diese Gestaltung in der Welt tun? Für wen? Und was passiert, wenn sie sich durchsetzt?

Kein Design ist neutral. Keine Karte ist neutral. Kein Logo, keine Website, keine Infografik.

Die gute Nachricht: Wer das weiß, kann bewusster entscheiden. Und manchmal – wie jetzt – kann eine Korrektur sogar 164 Staaten überzeugen.

Mit Liebe recherchiert und geschrieben von Miriam Horn-Klimmek

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