4. Dezember 2019

Marketing Convention in Berlin

Als Designerin habe ich Marketing immer schon mit ein wenig Skepsis betrachtet: Wir wollen die Welt prinzipell erst mal nicht „besser verkaufen“ sondern angenehmer gestalten, besser erklären oder reibungslos kommunizieren. Deswegen haben wir uns für ein Design-Studium entschieden. Zumindest ich und alle bei uns im FORMLOS Team.

Von außen wird Marketing dann oft direkt mit Design in Verbindung gesetzt: Wir werden natürlich von unseren Kund*innen auch nach klassischem Marketingmaterial gefragt und als Lukas und ich von Hoc Littmann aus der AID Berlin gefragt wurden ob wir Kommunikationsstrategie unterrichten wollen – wurde über die Jahre immer klarer: Wir kommen da nicht drum herum. Und dabei war Kommunikationsstrategie mit Abstand unser unbeliebtestes Fach.

Im Laufe unserer Entwicklung und die von FORMLOS, sind wir immer wieder auf Momente gestoßen, in denen wir die klassischen Mittel aus „Kommunikationsstrategie“ genutzt und für uns entdeckt haben. Vielleicht wurde uns damals der Unterricht einfach nicht „typgerecht“ vermittelt – denn natürlich wollen auch wir als Designende Dinge genau so entwickeln und gestalten, sodass sie auch bei der richtigen Zielgruppe ankommen.

Strategie ist nun ein fester Bestandteil unserer Arbeit – ohne Strategie, kein Design. Zumindest nicht bei uns.

Also waren wir sehr gespannt, als wir gestern bei der Underground Marketing Convention zu Gast waren und spitzten die Ohren bei den Titeln der Vorträge. Die Idee der Convention gefällt uns gut: Zwei Bühnen, eine klein, die andere groß – und rund herum ausstellende Unternehmen, von Maren Thomsen über Newsletter2Go bis hin zu Seed Bomb City. Das der Bücherbogen mit einigen tollen Büchern aus dem Design- und Marketingbereich dabei war, hat mich ganz besonders gefreut.

Dann ging es also los: Auf der großen Bühne wird ein Teaser angespielt indem die „wichtigsten“ Speaker laut und episch präsentiert werden. Aber eben leider nur Speaker (männlich). Es wurde keine der Frauen erwähnt, die hier sprechen. Das ließ mich nochmal nachzählen: Auf der großen Bühne sind 2 der insgesamt 14 Talks Speakerinnen. Auf der kleinen Bühne ist es genau das selbe: 2 Frauen, 15 Männer. Schade. Vor allem weil der Veranstalter gleich zu beginn die Werte der Veranstaltung zeigte: Drei Begriffe in großen, bolden Buchstaben: URBAN, HUMAN, BERLIN. Berlin? ok check. Urban? Joa, dieses Thema zieht sich durch. Aber Human? Da wünsche ich mir eine tiefergehende Überlegung wie man das umsetzen kann.

Wunderbar überrascht hat mich dann der Talk von Astrid Kramer – der im Programm leider falsch betitelt wurde: Es war kein Talk über Banner Blindness, sonder User Blindness. Es ging darum, dass ein großer Teil der Menschen nicht richtig angesprochen werden von Marketing. Viele Frauen fühlen sich nicht vom Marketing angesprochen, das für sie gedacht ist. Aber nicht nur Frauen. Sie zeigte Beispiele von europäischen Modemarken und welche unpassenden, peinlichen Kommunikationsfehler sie in China oder in dem Versuch machten, muslimische Frauen zu „erreichen“. Sie warb für Diversität in den Marketing Teams, damit so etwas nicht passiert. Wir waren wirklich begeistert: Endlich waren da echte Zahlen, die belegen, was wir schon lange vermutet haben. Da konnte ich gerade noch so den Fauxpas des Moderators entschuldigen, der sich für Astrid extra „pinkes“ Licht für die Bühne wünschte (ernsthaft?).

Gleich nach dem Talk von Astrid Kramer, kam wieder ein junger Typ auf die Bühne, der direkt wieder so ein Klischee auf den Tisch packte: Frauen kriegt man halt mit Schuhen und Männern mit Bohrmaschinen, ne?

Für mich zeigt sich, dass die Marketing-Blase (an der wir Designende andocken, ob wir es nun mögen oder nicht) langsam begreift, dass sich die Welt ein wenig verändert. Langsam muss ich hier aber echt unterstreichen. Daher mein Feedback an die Veranstaltung:

Danke für dieses Event – ich hoffe das gibt es nächstes Jahr nochmal – wir haben viel gelernt, gerade weil wir nicht ständig in der Marketing-Bubble sind. Aber: Es gibt eine große Anzahl von Frauen, die in diesem Bereich an den Spitzen oder sehr weit oben sind. Wichtig sind. Holt mehr Frauen auf die Bühne. Übers gendern könntet ihr auch nochmal nachdenken – und wenn ihr das Thema nur in einem Talk thematisiert oder in einem Panel diskutiert – ich bin da gerne eure Ansprechpartnerin. Das sind relevante Punkte, auch oder gerade für Marketing. Sensibilisiert eure Redner (absichtlich nicht gegendert). Es kann doch nicht sein, dass das an euch vorbeigegangen ist?

In der Eröffnungsrede wurde kurz über Fleischkonsum und über ein VR-Brillen-Erlebnis (in dem man einen Schweinehof besuchen kann) gesprochen. Für die Verpflegung beim Event gab es zwar vegetarische Optionen, aber trotzdem waren Fleisch- und Milchprodukte in der Überzahl. Ein paar rein pflanzliche Sachen wären super gewesen – nicht nur für Veganer*innen, sondern auch für Menschen wie mich, die sich viel pflanzlich ernähren wollen und Milchprodukte schlecht vertragen.

Kurz: Ich habe bei dem Event gelernt und Input gesammelt – wenn sich das Event so agil weiterentwickelt und dieses Feedback auch mit einbezieht – würde ich hellaufbegeistert sein. Damit mein ich nicht den „Trend“ überall female empowerment drauf zu schreiben, sondern tatsächlich was zu ändern. Empowerment tut man nämlich alleine schon dadurch, dass Menschen ernst genommen werden und ihnen nicht auf Grund von Geschlechtsmerkmalen Farben und Gegenstände und damit auch Eigenschaften zugewiesen werden. Und dieses Empowerment sollte auch ohne großes Tamtam stattfinden: Es sollte nämlich selbstverständlich sein :).

Mit Liebe recherchiert und geschrieben von Miriam Horn-Klimmek